Translated Stories / Books

(in german)

PHILIP

von Maria A. Ioannou

(Übersetzung: Katrin Behringer)

Philip schrie nicht, als er geboren wurde, alle dachten, er sei tot. Die Kuppen seiner winzigen Finger sahen aus wie Nadeln. Sein Gesicht war dunkelrot, vollkommen rund, wie ein Ball. Der Gynäkologe, der beste der ganzen Stadt, wollte gerade erklären: „Es tut uns sehr leid, aber trotz meiner Doktortitel und der High-Tech-Geräte in diesem dekadenten Krankenhaus ist Ihr Baby tot“, doch da begann sich Philips Brust endlich roboterhaft zu heben und zu senken, alle kauften blaue Luftballons zu fünf Euro das Stück sowie unglücklich aussehende Teddybären, die riefen: „Es ist ein Junge!“ und jubelten gezwungen. Der Jubel währte nicht lange, denn Philip tat nicht viel, weder als Säugling noch als Kleinkind. Um ehrlich zu sein: Sogar ein Baum tat mehr als Philip. „Wir haben eine Puppe geschaffen“, erklärte die Mutter einmal gegenüber dem Vater, schockiert von der mangelnden Lebendigkeit und Beweglichkeit ihres Sohns; Philip musste sie gehört haben, denn obwohl er noch zu jung war, um ihre Worte zu verstehen, vergoss er in jenem Moment zum ersten Mal Tränen. Eine Träne, zwei Tränen, drei Tränen, vier Tränen, fünf ganze Tränen. Mutter greift nach einem Taschentuch. Tränen weggewischt. Taschentuch sorgfältig in der Nachttischschublade des Elternschlafzimmers aufbewahrt, als Beweis.

Vom ersten Moment an, als Philip zu laufen begann, fiel allen sein Mangel an Bewegung auf sowie seine Neigung, in einer bestimmten Position zu verharren: unter dem Tisch wie ein Teppich, in den Kühlschrank gequetscht wie ein Stück Gemüse, neben einem Eimer wie ein Wischmopp. Im Laufe der Zeit wurden seine Bewegungen noch langsamer und sein Körper immer starrer. „Philip glotzt einen Busch an!“ / „Einen Busch?“ / „Er glotzt einen Busch an?“ / „Hast du gesehen, wie er an dem Laternenpfahl klebte?“ / „Klebte! An einem Laternenpfahl?“ / „Er hat den Tisch auf den Kopf gestellt und ihn umarmt, kannst du dir das vorstellen?“ / „Hast du ihn gesehen?“ / „Hast du das gesehen?“

„Er ist ein braves Kind, klopf auf Holz“, erzählte seine Mutter einer Freundin am Telefon, woraufhin Philip seine Brust berührte, sich rhythmisch auf die Knochen klopfte und dabei rief: „Berühr mich! Berühr mich, Mama!“ oder „Schau, Mama! Ich berühre mich selbst“, womit er bei ein oder zwei Nachbarn schockierte Reaktionen auslöste.

Philip ruhte sich gern neben einem Sesselbein aus oder schlief auf einem Teller voller Essensreste ein. „Mich umarmt er nie“, beschwerte sich seine Mutter einmal bei einem Verwandten und zeigte auf Philip, der in diesem Moment ein bücherloses Bücherregal umarmte. „Kauf ihm eben Bücher, vielleicht umarmt er ja die!“, schlug der Verwandte, ein echter Bücherwurm, vor, was Philips Mutter jedoch kränkte. Verärgert ließ sie Luft durch den geschlossenen Mund entweichen. „Mama, du bist ein Teekessel!“, rief Philip und ahmte ein Pfeifgeräusch nach. „Mama, jetzt bin ich der Teekessel! Whiiiiieeeee! Whiiiiiieeeee!“

Auch beim Fernsehen sorgte er für allgemeine Verwirrung, es dauerte lange, bis auffiel, dass Philip in Wirklichkeit keine Zeichentrickfilme guckte, sondern lediglich das Gerät ansah, besonders, nachdem es ausgeschaltet worden war. Einfache Tätigkeiten wie Gehen oder Zähneputzen fielen ihm schwer, taten ihm sogar weh. Es dauerte ewig, bis er ein Glas ins Waschbecken gestellt oder die Klobrille hochgeklappt hatte, ganz zu schweigen davon, sich den Mückenstich auf der Wange zu kratzen oder ein großes Stück Rindfleisch herunterzuschlucken. Irgendwann hörte er sogar auf, größere Mengen zu essen; lieber leckte er Münzen ab, als wären es Bonbons. „Schau mal, Mama! Ich bin eine Parkuhr! Toll, oder?“

Nach einer langwierigen Behandlung durch einen sehr teuren Therapeuten verlangte seine Mutter, sein Vater und sein Bruder Nick sollten sich möglichst Philips Geschwindigkeit anpassen, damit er sich „normal“ und „akzeptiert“ fühlen würde, Begriffe, die höchst altmodisch klangen, sogar in Philips Ohren. Also versuchten sie alle, eine Stunde lang zu Abend zu essen, eine Erbse genau acht Minuten lang zu kauen und ein Glas Wasser in elf Minuten zu trinken, sie versuchten sogar angestrengt, sich wie Maschinen zu bewegen oder den Moonwalk zu tanzen. An manchen Tagen standen sie hintereinander und gaben vor, ein neu gebauter Gartenzaun zu sein. An anderen Tagen rollten sie die Straße hinunter, als wären sie superschnelle Autos, die es auf einen Strafzettel abgesehen hatten. Allerdings hatte nichts davon eine positive Wirkung auf Philip, lediglich eine negative auf alle anderen. Also hörten sie auf damit. Und auch Philip hörte im Alter von vierzehn Jahren auf, sich zu bewegen.

Die Ärzte meinten, es sei alles in Ordnung mit ihm, er habe weder eine neurologische Störung noch leide er an Autismus, vielleicht sei die Ursache psychologischer Natur, erklärten sie, ein unterdrücktes Kindheitstrauma beispielsweise. Seine Mutter fing an, sich selbst die Schuld zu geben: „Bestimmt liegt es daran, dass wir die ganze Zeit Ochs am Berg gespielt haben!“ / „Ich hätte ihn damals zum Karneval nicht als altgriechische Statute verkleiden dürfen!“/ „Mein Urgroßvater war schizophren! Es ist alles MEINE Schuld!“ Sein Vater machte wie immer das Haus, das er mit seinen eigenen Händen gebaut hatte, dafür verantwortlich, es sei viel zu klein, verdammt, und außerdem unpraktisch, da es Philips Bewegungen einschränke. Nick gab Philips bescheuertem Gehirn die Schuld und wünschte sich, er wäre nie geboren worden.

Wie auch immer, da Philip im Stehen, in einer fast soldatenhaften Haltung, aufgehört hatte, sich zu bewegen, war er nicht mehr in der Lage, die Knie zu beugen und sich hinzusetzen, ein Rollstuhl kam daher nicht in Frage. Stattdessen konstruierte sein Vater gemeinsam mit einem Onkel, der ein äußerst angesehenes Kranunternehmen besaß, eine Transportplattform auf Rollen, ähnlich einem Gerät zum Heben schwerer Kisten, bloß menschenfreundlicher, und Philip bewegte sich darauf überall hin. Und bisweilen auch in horizontaler Lage, auf dem Rücksitz eines Autos, gelegentlich durchgeschüttelt von einer Bremsschwelle.

Philips Körper war nun komplett starr, doch dank seines Kopfes – der einzige Körperteil, der sich noch bewegte – konnte er wenigstens noch sprechen, essen und all die Dinge tun, die Leute sonst mit ihren Mündern, Augen und Nasen taten. Philips Kopf war wie das niedliche Gesicht einer hölzernen Marionette, das sich wackelnd nach links und rechts drehte. „Gott sei dank hat er noch seinen Kopf“, sagten die Leute immer. „Immerhin kann er noch Muschis vernaschen …“, erklärte der Bäcker einer Kundin, die kichernd hinzufügte: „Oder jemandem einen blasen“,  wobei ihre Brüste wackelten wie Philips Kopf.

Anstatt auf dem Sofa zu sitzen oder mit dem Smartphone im Internet zu surfen und Kaugummi zu kauen, stand Philip auf Schulpartys mitten auf der Tanzfläche, während alle anderen um ihn herum tanzten und sich Zungenküsse gaben. An Halloween oder anderen Feiern befestigten sie Schleifen an ihm und Philip genoss es, für alle die Vogelscheuche zu spielen. „Ich lass mich gern benutzen“, gestand er einmal seinem besten Freund Marcus. „Das war schon immer so. Ich bin deprimiert, wenn ich nicht benutzt werde“, fügte er hinzu, und Marcus erwiderte: „Verstehe ich. Ich lasse mich auch gern benutzen“ und berührte Philip am Hintern.

Trotz seiner zunehmenden Bewegungslosigkeit und seines ungewöhnlichen Verhaltens wurde aus Philip ein ausgesprochen attraktiver Junge mit blauen Augen, er entsprach damit fast dem gängigen Bild eines Vorzeigefreunds. Andere Teenager genossen Philips schweigende Gegenwart, seine cleveren Witze und seinen wackelnden Kopf, seine unverständlichen philosophischen Gedankengänge, die Mitfahrgelegenheiten auf seinem Transportgerät, sie genossen es, ihn herumzutragen, irgendwo abzustellen und ihn zu dekorieren. An manchen Tagen wurden seine zarten Lippen geküsst, sein Schwanz wurde geleckt und manchmal wurde er auch gefickt – sowohl innen als auch außen. Manche seiner Klassenkameraden klebten ihm Kaugummis auf den Rücken oder schlugen ihn mit Stöcken und Baseballschlägern die Knie grün und blau. Ein Mädchen versetzte ihm einmal einen Schlag, todunglücklich, weil seine Passivität ihn daran hinderte, einen Konkurrenten, einen muskulösen Jungen, auszustechen und sie für sich zu gewinnen. Sie schrie ihn an: „Du hast ein Herz aus Stein“, was Philip als Kompliment auffasste.

Philip genoss diesen ganzen Irrsinn, als wäre er tief im Inneren von einem instinktiven Trieb geleitet. „Bitte benutz mich! BENUTZ MICH!“, bettelte er gelegentlich, „willst du, dass ich das Objekt deiner Zuneigung werde?“, fragte er höflich, während er versuchte zu flirten, und schließlich bat er seinen Bruder Nick, auf ihm zu sitzen oder ihn mit einem Staubwedel abzustauben wie einen Bilderrahmen. Nick schien dieses Spiel zu genießen und ging so weit, Philip waagrecht hinzulegen, auf ihm zu schlafen und zu furzen; eines Nachts hatte er sogar einen One-Night-Stand auf ihm. Seine Eltern waren ebenfalls bestrebt, Philips bizarren Fetisch zu befriedigen, sie aßen auf ihm zu Abend und legten sich gelegentlich auf ihn und hingen ihren Fantasien nach, und eines Tages pinkelte sogar ein Gast auf ihn, damit er sich fühlten konnte wie der Trevi-Brunnen, denn Philip hatte ihn darum gebeten und seine Eltern hatten es erlaubt. Und Philip lachte und lachte und lachte, seine Mutter jedoch weinte und weinte und weinte und konnte diesen Tag nie wieder vergessen.

„Seit kurzem fühle ich Sachen nicht mehr richtig …“, erklärte Philip im Alter von achtzehn Jahren und schluchzte tränenlos.

Seine Äußerung löste bei seiner Mutter fast einen Herzinfarkt aus, doch dann zeigte ihr Philip seine Haut, die in den letzten Jahren äußerst rau geworden war, und seine Mutter begriff, dass sich tatsächlich eine Veränderung in Philip vollzog. Nach zahllosen Arztbesuchen wurde schließlich festgestellt, dass Philips Haut zunehmend fester wurde, als wäre sie aus Holz oder Metall oder einem besonders starken Stoff. Zudem wurde Philip immer schwerer, obgleich er nicht zunahm. Manche Stellen an seinem Körper wiesen bunte Flecken auf, als hätten sie sich verfärbt. „Wow! Deine linke Brust ist ja dunkelrot!” / „Schicke Tätowierung!“ / „War deine Mama verrückt nach Erdbeeren, als sie mit dir schwanger war?“ / „Der kleine blaue Philip törnt mich ganz schön an…“.

Philip fing an, seine Freunde und sogar fremde Menschen darum zu bitten, ihn nach Belieben zu massieren oder zu berühren, seine Haut zu befühlen und ihn sogar als Gegenstand ihrer Wahl zu benutzen. Ein Freund stellte ihn beispielsweise eine Woche lang als Statue in seinen Garten, was Philip in freudige Erregung versetzte, besonders als Tauben auf ihn schissen. Und Nick, der inzwischen studierte, wollte, dass er sich anlässlich des Geburtstags seiner Freundin mit einer Schokoladentorte in der Hand als Paket verschicken ließ, eine Bitte, der Philip mit großem Vergnügen nachkam, während seine Eltern ihn unter dem Einfluss eines starken Beruhigungsmittels die ganzen Weihnachtsfeiertage über als Christbaum behandelten. „Wie hübsch!“, riefen ihre Gäste, während sie riesige Stücke Truthahn und Grillspieße verschlangen und gar nicht bemerkten, dass besagter Baum in Wirklichkeit Philip war. „Ihr habt ja einen riesigen Baum dieses Jahr!“, wiederholten die Gäste und zu späterer Stunde erkundigten sie sich nach Philip, sie erkundigten sich stets nach Philip, und seine Mutter, die gerade dabei war, ihr Beruhigungsmittel mit Wein herunterzuspülen, erklärte, Philip sei tot, woraufhin ein Gast sich fast verschluckte, und auch Philip musste in diesem Moment schlucken.

„Ich will mich operieren lassen!“, eröffnete Philip seinen Eltern mit fünfundzwanzig. „Ich will mich in ein Objekt verwandeln lassen!“

Seiner Mutter klappte die Kinnlade herunter, sein Vater bekam zittrige Knie und sein Bruder Nick ejakulierte auf seinen Bürosessel mit Lederbezug. „Wofür brauchst du denn eine Operation? Du benimmst dich doch schon längst wie ein Gegenstand!“, fragte seine Mutter verzweifelt und Philip antwortete, egal, wie sehr er sich anstrenge und geduldig alles hinnehme, die menschliche Zerbrechlichkeit, die immer noch in ihm ströme, sei einfach zu schmerzhaft für ihn. „Es tut weh, wenn ich mich bewege, Mama, und seit kurzem tut es auch weh, wenn ich etwas fühle …“ „Das begreife ich nicht! So sind eben Gefühle – manchmal tun sie einfach weh…“, kreischte seine Mutter, woraufhin Philip sie bat, ihm die Hand auf die Brust zu legen und sein Herz zu spüren. „Es schlägt schnell … und sehr laut … es klingt wie ein hin- und herspringender Tischtennisball!“, rief sie aus. „Weil ich es mir so sehr wünsche, Mama …“, flüsterte Philip. Doch selbst wenn es irgendwann in der Zukunft eine solche Operation geben würde, wie sollte Philip danach am Leben bleiben, würde nicht sein Herz fest werden und aufhören zu schlagen? Würde Philip mumifiziert weiterleben? Würde er den Job bei McDonald’s bekommen, den er sich immer gewünscht hatte (als Mitarbeiter am Drive-in-Schalter)? Würde er heiraten? Würde er einen Besen heiraten? Würde er Kinder haben? Würde er auf diese Weise Teil der Massenproduktion werden? Würde sein Sperma in Form von winzigen betonharten Tröpfchen herausschießen? Was würden die Nachbarn sagen? Was würde die ganze weite Welt sagen? Wie würde Philip schließlich sterben? Würde er für immer am Leben bleiben? Würde er das wirklich? Dieser letzte Gedanke – dass er für immer am Leben bleiben würde – spendete Philips Mutter etwas Trost, vielleicht würde er ein wenig Staub oder ein paar Kratzer abbekommen, aber er würde niemals wirklich sterben. Außerdem ermutigte dieser Gedanke seine Mutter, sich weiter umzuhören, zu googeln und zu hoffen. Und er ermutigte sie, den Wunsch zu äußern, Philip in einen Haushaltsgegenstand zu verwandeln, um ihn in ihrer Nähe zu haben. Viel besser als ein Büromöbel oder eine Fabrikanlage, und zumindest weit weg von Eitelkeit und Krebs. „Wenn ich einmal nicht mehr bin, wirst du trotzdem einen Weg finden, um zu existieren“, sagte sie zärtlich, während sie Philips Nägel und Zähne mit einem für Allergiker geeigneten Reinigungsmittel polierte.

„Wie fühlt sich Liebe an … für dich?“, wollte Philip wieder und wieder von seiner Mutter wissen. Und nach langem, ernsthaftem Überlegen wählte sie Worte, die mit Gegenständen zu tun hatten, und antwortete, dass Liebe wie eine Tasse sei, die auf einer winzigen Untertasse stehe, dass Liebe die kochend heiße Flüssigkeit in der Tasse sei, dass Liebe die kleine Untertasse sei, die die Tasse ringsherum stütze, dass Liebe außerdem der Henkel der Tasse sei, an dem man sich festhalte, um sich nicht zu verbrennen, … dass Liebe …  ach, zum Teufel … Liebe.

Schließlich brachte Philip kaum noch ein Wort heraus. „Wie … fühlt …?“, fragte er immer wieder und seine Mutter formulierte für ihn alle möglichen Fragen und alle möglichen Antworten, wobei sie Hass mit einem scharfen hinterhaltigen Messer und Mitleid mit einem weichen Wattebausch verglich.

Und dann eines Tages, genervt von der ewigen Warterei auf jene utopische Operation, wandte sich Philip an mich. „Tut … mir leid, dass ich dich unter… unterbreche“, sagte er, „a… aber wir müssen unbedingt r… reden. Ich habe s… schlimme Schmerzen …“

Er bat mich darum, in dieser Geschichte das männliche Pronomen durch ein sächliches zu ersetzen.

Da er im wirklichen Leben nicht bekommen könne, was er wolle, könne er ja vielleicht zumindest in der Welt der Fiktion etwas Trost finden, erklärte er.

Ich zögerte zunächst, es würde keinen Weg zurück geben, scripta manent, erklärte ich ihm, bist du dir wirklich sicher? Philip blinzelte entschlossen. In dem Moment, als ich wieder meine Tastatur berührte, spürte ich irgendwie seine Hand. Es war ein greifbarer, fester Händedruck.

Es steht jetzt mitten im Garten und hält ein Glas Sekt, das sorgfältig mit Klebeband an der rechten Handfläche befestigt wurde. Tiefer Winter. Regen dringt durch die Risse seiner Haut. Zeit ist vergangen. Es hat jetzt Falten, fühlt sich jedoch befreiter. Sein Körper ist fester denn je, aber es stecken noch Gefühle in ihm. Ein paar selbst zugefügte Narben zeugen von seiner Absicht, den Anteil an übriggebliebenem Schmerz auszurechnen, der Schmerz ist zwar immer noch spürbar, aber er ist erträglicher geworden.

„Komm, ich nehme dich mit nach drinnen, sonst erkältest du dich noch“, sagt Mutter. Ihr Gesicht ist ausdruckslos, als hätte jemand falsche Augen und ein falsches Lächeln in ihr Gesicht gemalt, als sei sie zu bemüht. Es weiß, dass es sich irgendwann in ferner Zukunft dank der Wissenschaft und der Aufgeschlossenheit der Menschen niemals wieder erkälten wird.

„Zieh dir zumindest eine Mütze an“, riet Vater. „Vom Regen verblasst deine Farbe, genau wie von der Sonne“, fügt er hinzu und tätschelte ihm dabei sanft die reglose Schulter. Es fühlt sich irgendwie akzeptiert, „Papa, wie f … fff … fühlt sich Leidenschaft für dich an?“, fragt es, und Vater will vieles sagen, und ihn fest in den Arm nehmen, doch er weiß nicht mehr, wie sich Leidenschaft anfühlt.

Nick betritt den Garten. Kein Schirm, kein Hut, bloß ein Armani-Anzug, der ebenfalls nass wird. „Weißt du was? Du kannst bei mir wohnen, ich habe mir gerade erst ein zweistöckiges Apartment gekauft. Du kannst die Wohnzimmerdeko spielen, wenn du willst …“ Sie reden wenig, wie immer. Sie stehen beide im Regen, ganz nah beieinander, ohne sich zu bewegen, der eine nackt, der andere bekleidet.

Als Mutter sie durch die feuchte, trübe Scheibe des Küchenfensters hindurch sieht, glaubt sie, sie hielten sich an den Händen.

 

 

 

 

 

 

 

* Die Zusammenarbeit zwischen der Autorin Maria A. Ioannou und dem Tänzer/Choregrafen Momo Sanno basiert auf der vorliegenden Kurzgeschichte (Con_Text #4 Maria A. Ioannou und Momo Sanno, 12. Mai 2017, Lettrétage Berlin, 20 Uhr)

** Diese unveröffentlichte Kurzgeschichte ist Teil der laufenden Dissertation von Maria A. Ioannou in Kreativem Schreiben an der University of Winchester in Großbritannien

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Zellophan

 

Ich und Papa unterhalten uns an den Abenden. Dabei steckt Papa in einer Zellophanhülle.

 

Wenn Mama schläft, öffne ich den Schrank im Gästezimmer. Während ich ihm meine neuen Spielsachen, den großen ferngesteuerten Traktor und das Bärchen mit der Aufschrift „grandson“ zeige, beschlägt sich die Zellophanhülle durch seinen Atem und er malt mir mit der Nase Herzen darauf. Ich versuche, ihn auf die Art der Eskimos zu begrüßen, schaffe es aber nicht. Die Muster auf dem Zellophan verblassen schnell, und für mehr bleibt kein Platz. Er hält im Schrank ganz still, bleibt reglos wie die Mumie von Tutenchamun. Das erinnert mich an die Kisten, in denen man die Toten wegsperrt. „Die Lebenden ertragen die Toten nicht“, sagte Großmutter immer. Weil die Lebenden Angst vor den Toten haben, schließen sie sie in Kisten ein, damit sie nicht aufwachen und Rache nehmen wie die Vampire! So sehe ich das.

 

…/Mama sagt nicht viel/Ich habe mit deinem Feuerzeug ein Loch in den Teppich gebrannt/Tut mir leid, Papa/Ist dir dort drin nicht warm?/Warum sagst du nichts?/Kannst du mich auch in Zellophan aus dem DIY-Kaufhaus wickeln?/Ich hab dich lieb, Papa/Mama hat heute zu mir gesagt, ich soll den Mund halten!/Ja. Ich werde brav sein./Ja. Ich verspreche es!/Lass mich in Frieden!, hat sie gesagt./Und ich, Papa…/Hast du Hunger? Es gibt Hühnchen./Gute Nacht…/Sagst du auch morgen wieder was?/Ich habe keine Freunde! Und du?/…

 

Stundenlang bleibe ich bei ihm im Schrank. Ich streiche über das Zellophan. Er spürt es, wenn ich ihn berühre, da bin ich mir sicher. Ich erkenne Tröpfchen aus dem Zellophan. Wahrscheinlich schwitzt er vor Freude. Wenn er mich nicht hätte, wäre ihm dort im Dunkeln bestimmt langweilig. Er sagt, er habe immer noch das Quietschen der Reifen im Ohr.

 

Iiiiiiiiiiieeeeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiii

 

Aber ich darf nicht darüber sprechen.

 

Ich möchte Mama erzählen, dass Papa nicht fort ist. Dass sie an den Abenden nicht weinen und mich nicht ständig ausschimpfen soll. Denn Papa ist immer noch bei uns. Dass ich mit ihm rede und er antwortet, wenn ich ihn frage. Am liebsten würde ich ihr sagen, dass er mir von Millionen Sternen am Himmel erzählt und gemeint hat, dass ich nie auf die anderen hören sollte, damit ich nicht so werde, wie sie es gerne wollen. Dass das Wort „gay“ vieles bedeuten kann und, so habe ich es im Lexikon nachgelesen, folgendermaßen verwendet wird: „(bewundernd) für jemanden, der eine Großtat vollbracht hat.“ Ich möchte ihr sagen, dass meine Entdeckung, dass Papa in einer Zellophanhülle im Schrank ist, eine wahre „Großtat“ ist, denn ohne mich würde er vor Hunger, Durst und Einsamkeit, durch die Motten und anderes Ungeziefer umkommen.

 

Gestern Abend unterhielt ich mich stundenland mit Papa. Ich fragte ihn, warum er die Zellophanhülle nicht ablegt, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben. Aber er ist mir die Antwort schuldig geblieben.

 

Heute Morgen erblickte ich Papa im großen Müllcontainer, auf dem SKIP steht. Er steckte immer noch in der Zellophanhülle, und der eine Arm hing aus dem Container.

 

Ich brüllte „Aaaaaaaaaaaahhhhh!“ und heulte los.

 

Mama zerrte mich schnell ins Haus.

 

„Es ist doch, verdammt noch mal, nur ein Anzug! Nur ein Anzug…“, sagte sie, bevor sie sich in der Toilette einschloss.

 

Übersetzung: Michaela Prinzinger

(first published in greek, in the short story collection «The Gigantic Fall of an Eyelash», Gabrielides Publishing, Athens 2011)

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(the book «Cauldron» by Nefeli Publishing 2015 to be translated into Serbian soon)

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